Bergen: Zukunft mit Vergangenheit

Mehr Jugend- und neue Erinnerungskultur

Bergen, 11. November. „In der Zusammenarbeit der Stadt Bergen mit der Gedenkstätte Bergen-Belsen wurde heute ein neues Kapitel aufgeschlagen”, so fassten Bürgermeister Rainer Prokop und der Geschäftsführer der Stiftung niedersächsische Gedenkstätten Dr. Jens-Christian Wagner gemeinsam die Ergebnisse der zweitägigen Tagung von 20 Fachleuten aus Politik, Kirche, Wirtschaft und der Gedenkstätte zusammen. Sie alle einte der Wunsch und der Wille, in Bergen eine internationale Jugendbegegnungsstätte zu errichten, die sich durch eine breite politische Bildungsarbeit und durch innovative jugendgemäße Programme im Kontext der Gedenkstätte und darüber hinaus auszeichnen soll. Im Hinblick auf 70 Jahre Befreiung von Bergen-Belsen im Jahr 2015 soll dafür ein Konzept auf den Weg gebracht werden.

 

„Bergen verändert sein Gesicht, das bedeutet Zukunft mit Vergangenheit”, erläuterte Bürgermeister Rainer Prokop das Projekt: „Der Truppenübungsplatz Bergen ist der größte der Bundeswehr und einer der modernsten der Welt. Er bleibt, das bedeutet gesicherte Standortpolitik, Frieden und Internationalität. Mit den Angehörigen der britischen Streitkräfte dort waren wir besonders vernetzt. Sie gehen. Das bedauere ich, weil es stadtwirtschaftliche Risiken birgt. Es schafft gleichsam Freiräume für die Stadt und bietet Entwicklungspotenzial, auch im Verhältnis zur Gedenkstätte Bergen-Belsen und anknüpfend an unsere Anne-Frank-Friedenstage.” Dr. Jens-Christian Wagner, der vor seinem Amtsantritt in Niedersachsen in der thüringischen Stiftung Gedenkstätten Buchenwald und Mittelbau-Dora als Leiter der KZ-Gedenkstätte Mittelbau-Dora tätig war, sieht große konzeptionelle Übereinstimmungen in der Standortpolitik Bergens und seinem Ziel, Jugend- und Erinnerungskultur, Bergen und Bergen-Belsen im gemeinsamen Kontext und Zeitgeist zu sehen. „Das Ziel unserer Arbeit ist ein reflexives Geschichtsbewusstsein – insbesondere in der Bildungsarbeit mit Jugendlichen. Hier können die Gedenkstätte und die Stadt Bergen eng zusammenarbeiten. Das gilt auch für gemeinsame touristische Konzepte. Ich suche deshalb auch den Kontakt zur Lüneburger Heide GmbH. Eine Konzeptjugendherberge mitten in der Stadt Bergen, also mit Abstand vom Abgrund soll erinnern, gedenken, bilden und auch unterhalten können.” Für Bergen-Belsen selbst wünschte er sich die zusätzliche Nutzung der in Randlage auf dem NATO-Truppenübungsplatz jetzt noch von den Briten genutzten Gebäude für die pädagogische Arbeit und für Sonderausstellungen. „Sie sind letzte bauliche Zeitzeugen am Erinnerungsort”, so Wagner.

Erfahrungen über Erinnerungskultur im Stadtmarketing von Weimar vermittelte die Geschäftsführerin der Weimar GmbH, Gesellschaft für Wirtschaftsförderung, Kongress- und Tourismusservice Ulrike Köppel. Für Weimar als Kulturhauptstadt Europas 1999 fiel noch vor der Jahrtausendwende die Entscheidung, Goethe, Schiller, Bauhaus und Buchenwald gleichermaßen als Leuchtturmprojekte und

Tourismusangebote neu zu definieren. „Die Gedenkstätte Buchenwald und die Stadt Weimar gehören zusammen, sie sind beide Chefsache und – es mag schwierig klingen – sie profitieren voneinander, sind auch ein wirtschaftlicher Erfolg. Ohne wirtschaftliche Basis kann keine Gedenkstätte, kann auch keine Jugendherberge überleben. Zum jährlichen Weimarer Kunstfest gehört das Gedenken für Buchenwald, oft noch mit ehemaligen Häftlingen als Gastrednern. Doch was wird aus dem Gedenken, wenn es keine Überlebenden mehr gibt?”, fragte Frau Köppel. Die feste Verankerung des Gedenkens im städtischen Leitbild sei ein wichtiger politischer Beschluss, doch müsse sich die Erinnerungskultur auch praktisch auf die jugendlichen Zielgruppen und künftigen Generationen einstellen. „In unserer Touristeninformation auf dem Marktplatz ist die Gedenkstätte Buchenwald integrierter Bestandteil. Die Besucher reagieren darauf positiv. Es gibt gemeinsame Vortragsreihen, Projekte mit dem Deutschen Nationaltheater und Kooperationen mit der Kirche, mit der Pfarrer-Paul-Schneider-Gesellschaft oder im Kontext der „Luther-Dekade”.

Für die Evangelisch-lutherische Landeskirche Hannovers nahmen Superintendent Heiko Schütte und Pastor Axel Stahlmann an dem Austausch in Bergen teil. Die Kirchengemeinde vor Ort und der Kirchenkreis Soltau nahmen die Initiative der Stadt Bergen mit Freude auf. Sie entspricht dem Grundansatz des Kirchenkreises, sich der Geschichte und Gegenwart in Bergen-Belsen zu stellen. „Wir würden es sehr begrüßen, wenn es zu weiteren Formen der Zusammenarbeit kommt”, so Superintendent Schütte. Als favorisierter und interessierter Betreiber der Jugendbegegnungsstätte berichtete der Geschäftsführer des Landesverbandes Hannover e.V. im Deutschen Jugendherbergswerk Norbert Dettmar über seine Erfahrungen sowohl in der Programmarbeit als auch über die Anforderungen an Projekte im Neu- oder Umbau, Chancen und Risiken für Finanzierungen und die Nutzererwartungen junger Leute im laufenden Betrieb. „Die Tatsache, dass es im Vergleich zu anderen Bundesländern in Niedersachsen keine vergleichbare Jugendbegegnungsstätte gibt, spornt uns besonders an, dieses Projekt Bergens nach besten Kräften zu unterstützen und darüber hinaus Erfahrungen aus anderen Landesverbänden einzuholen”, so Dettmar. Jugendherbergen sollten mehr als Bettenburgen und preiswerte Schlafwelt sein, sie sollten natürlich auch Familien willkommen heißen, vor allem aber durch ihr qualitatives Aussehen und Programm Gästemagnet für die Stadt sein.

Im Ergebnis der intensiven zweitägigen Diskussionen, in deren Rahmen auch die Gedenkstätte Bergen-Belsen besucht und potenzielle Standorte der gewünschten Jugendbegegnungsstätte in Bergen besichtigt wurden, soll im 70. Jahr der Befreiung von Bergen-Belsen 2015 ein partnerschaftliches Konsortium als Projektträger angestrebt, sollen mögliche Kofinanzierungen geprüft sowie Bundes- und Landesmittel beantragt werden. „Was mir in Bergen fehlt und wir von Weimar lernen können, hat diese Tagung gezeigt. Nun brauchen wir noch einen guten Literaten, einen jungen Goethe für Bergen”, freute sich Bürgermeister Rainer Prokop im Resümee.

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